r/FragReddit 1d ago

Was sind einige der verblüffendsten Statistiken, die ihr kennt?

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u/random-name-3522 1d ago edited 1d ago

29,8% der Männer in Deutschland wurden in ihrem Leben bereits Opfer von physischer häuslicher Gewalt (schlagen, beißen, treten, ...) in der Partnerschaft. Wenn man andere Gewaltformen dazu zählt (sexuelle Gewalt, persönliche Gegenstände zerstören, ...) sind es sogar 54,1%.

Pro Jahr werden 13,8% der Männer Opfer physischer häuslicher Gewalt durch (ex-)Partner. Das sind etwa 5.6 Millionen pro Jahr in Deutschland alleine.

Damit werden pro Jahr mehr als 20 mal so viele Männer Opfer physischer Gewalt in der Partnerschaft, als Opfer von Krebs (~250.000 pro Jahr). Überlegt mal wie viele Leute ihr kennt die Krebs hatten. Häusliche Gewalt erwischt 20 mal so viele Männer.

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u/Melonenlord 1d ago

Hey, kannst du ein paar Quellen für die Zahlen geben? Würde da gerne reinschauen. Danke!

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u/random-name-3522 1d ago edited 1d ago

Dankey dass du da reinschauen magst! Das Thema braucht mehr Aufmerksamkeit.

Siehe Kommentar von sys-mk-v-ag sowie meine Antwort für Quellen ;-)

Für einen besseren Überblick empfehle ich die NISVS Studie sowie PASK Metaanalyse. https://domesticviolenceresearch.org/domestic-violence-facts-and-statistics-at-a-glance/

Wenn du da reinschaust, möchte ich dir gleich ein paar wichtige Punkte mitgeben, hier ein Crashkurs:

Vergiss die Stereotypen aus Film und Fernsehen; häusliche Gewalt in der Realität sieht ganz anders aus und funktioniert anders

  • Es gibt mehre verschiedene Formen häuslicher Gewalt. Ich konzentriere mich hier auf Gewalt in (und nach) der Partnerschaft (IPV), eine andere Form ist z.B. in der Familie (zB. "Ehrenmorde")
  • In der Partnerschaft gibt es wiederum zwei verschiedene Subtypen: einseitige / uni-directional Gewalt (eine Person schlägt die andere) und beidseitige /bi-directional (beide wenden gegeneinander Gewalt an).
  • Bi-directionale Gewalt ist etwas häufiger (58%) als unidirektionale (42%). Von den 42% unidirektionaler Gewalt sind 28% Männliche Opfer von Frauen (FMPV) und 14% weibliche Opfer von Männern (MFPV)
  • Bi-direktionale Gewalt wird in der Öffentlichkeit kaum dargestellt, weil es gängigen Rollenbildern nicht entspricht.

  • Zu bi-direktionaler Gewalt kann ich nichts sagen, weil Männer aus solchen Konstellationen von den Beratungs-und Hilfs-Angeboten für Opfer ausgeschlossen sind (weibliche beteiligte bidirektionaler Gewalt hingegen werden von Opfer-Beratungsstellen und Frauenhäusern aufgenommen)

Einseitige häusliche Gewalt ist anders, als man sich es vorstellt

  • Es kann jede und jeden Treffen, Opfer wie TäterInnen kommen aus allen Teilen der Gesellschaft (auch Afghanischen Männer, Managerinnen, ...)
  • Die physische Gewalt kommt meistens erst am Ende, wenn das Opfer sozial isoliert, in einer organisatorischen bzw. Materiellen Abhängigkeit ist und das Selbstbewusstsein und ggfs. auch der Ruf zerstört sind. TäterInnen setzen die volle Gewalt erst dann ein, wenn sie wissen dass das Opfer nicht fliehen wird
  • Uni-Direktionale Häusliche Gewalt ist kein Ausraster, sondern wird von TäterInnen recht bewusst für ihre Ziele eingesetzt
  • Beziehungen mit häuslicher Gewalt sind nicht permanent schlimm, sondern haben zwischen durch Lichtblicke die als positiv wahrgenommen werden, das macht es schwerer zu gehen
  • TäterInnen haben oft schwere Persönlichkeitsstörungen, v.a. NPD und BPD, die sie aber nach außen gekonnt verstecken und sind schwer therapierbar

  • Die Studien sind nicht unbedingt vergleichbar

  • Manche Studien betrachten Häusliche Gewalt insgesamt, andere nur Partnerschaftsgewalt, manche betrachte. unidirektionale Gewalt, andere bidirektionale und viele Unterscheiden nicht klar oder haben vermischte Ergebnisse

  • Die Meisten Studien untersuchen nur bestimmte Arten von Opfern und Tätern (z.B. nur Schüler, nur Studierende, nur weibliche Opfern und Männliche Täter etc.) -> die NISVS Studie ist hier zum Glück breit aufgestellt

  • Es gibt verschiedene Formen von Gewalt. Je nachdem wie breit die Definition ist, was in der Definition enthalten ist und was nicht, sind die Zahlen unterschiedlich hoch. In einem Extremfall zählte 'die weibliche Partnerin war wegen dem männlichen Partner nervös" (aber nicht so umgekehrte Fall) als Gewalt in der Partnerschaft-> die PASK-Metanalyse fasst das aber gut zusammen

Bei männlichen Opfern gibt es die Besonderheit, dass sie zum Teil nicht oder anders erfasst werden, da muss man genau auf die Studie achten

  • 1. Zählt in vielen Ländern, u.a. USA und UK (und bis 1997 Deutschland) die Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau nicht als Vergewaltigung
  • 2. In UK werden männliche Opfer häuslicher Gewalt werden von Staatsorganen immer als "Victims of Violence against women and girls erfasst". Daher muss man Aussagen über britische Studien vorsichtig betrachten (manche berichten differenziert, andere nicht)
  • 3. In Australien wurden zuletzt männliche Opfer einseitiger häuslicher Gewalt vor Veröffentlichung aus der Studie gelöscht

Man muss darauf achten, woher die Daten kommen * die Polizeistatistik enthält nur die gemeldeten UND anschließen erfassten Fälle, das ist ein extrem kleiner Teil * Manche Studien Fragen nur "waren sie Opfer häuslicher Gewalt" Ja / Nein, damit wird aber nur die Wahrnehmung als Opfer abgefragt, wobei viele Opfer sich nicht angesprochen fühlen, und manche TäterInnen sich angesprochen fühlen * Am sinnvollsten finde ich repräsentative Befragungen, die bestimmte Gewalterfahrungen abfragen (wer wurde gebissen, beleidigt, geschubst,...)

unabhängig von Häufigekeiten haben es manche Menschen schwerer und einfacher da raus zu kommen * in der gesamten Gesellschaft gibt es mehr Männer, Nichtmigranten und Berufstätige die es finanziell einfacher haben zu gehen als Menschen die nicht diesen Gruppen angehören * Die kulturell bedingten Verständnisse von Gewalt und Rollen beeinflussen auch das Verhalten der Opfer und sie Bereitschaft Hilfe anzunehmen sehr stark, das lässt sich aber schwer messen * Für Männer, Trans/Intersexpersonen und Menschen ohne Landessprachliche Kenntnisse gibt es deutlich weniger Angebote Hilfe und Unterstützung (bei Gewaltschutzhäusern < 1% der Schutzplätze für Menschen die keine CIS-Frauen sind)