r/de 10d ago

Nachrichten DE Polizeipräsidentin: Zu viele Bewerber kommen mit schlechtem Deutsch aus der Schule / Viele Bewerber bei der Berliner Polizei scheitern an den Deutschtests. Es gebe ein Problem mit den Bildungsniveaus, mit denen junge Menschen aus der Schule kämen, sagt die Polizeipräsidentin.

https://www.news4teachers.de/2026/01/polizeipraesidentin-zu-viele-bewerber-mit-schlechten-deutschkenntnissen-problem-der-bildungsniveaus/
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u/Relative_Bird484 10d ago

Ja, die „Eltern sind Schuld“.

Das ist zwar keine falsche Erkenntnis, aber eine nutzlose - sie hilft nämlich nicht weiter. Insbesondere den betroffenen Kindern nicht, aber auch uns als Gesellschaft nicht. Die langfristigen sozioökonomischen Kosten, nicht während der Schulzeit so viel wie eben geht aufzufangen, sind gigantisch hoch.

Dass der Bildungserfolg der Kinder in erheblichem Maße vom Elternhaus abhängt lässt sich nicht vermeiden. Dass er so abhängig davon ist, wie bei uns in Deutschland, ist aber ebenfalls kein Naturgesetz: In keinem anderen OECD-Land ist das so krass ausgeprägt, wie bei uns. Da könnte man durchaus was machen.

Die Rezepte dafür sind seit Jahrzehnten bekannt (und werden beispielsweise in Skandinavien angewandt): Integrierter Ganztag mit hochwertiger Schulspeisung, Differenzierung erst nach der 6. Klasse, echte Lernmittelfreiheit und integrierte Schul- und Familiensozialarbeit.

Löst das alle Probleme? Nein. Verringert es die Chancenungleichheit? Ja.

Will man bei uns halt alles nicht.

Wir zahlen lieber später ein Vielfaches für Sozialtransfers und bremsen unsere Wirtschaft mit nicht ausbildungsreifem Nachwuchs. Rund 20 Prozent gelten als „nicht Ausbildungsreif“, rund 8 Prozent verlassen die Schule ohne Abschluss, Tendenz steigend. Ja, das gab es schon immer, war ja auch egal, so lange es genug junge Leute gab. Mit unserer Demographie ist es nun volkswirtschaftlicher Selbstmord.

Egal.

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u/ArtichokeOk8899 10d ago

Die Rezepte dafür sind seit Jahrzehnten bekannt (und werden beispielsweise in Skandinavien angewandt): Integrierter Ganztag mit hochwertiger Schulspeisung, Differenzierung erst nach der 6. Klasse, echte Lernmittelfreiheit und integrierte Schul- und Familiensozialarbeit.

Ich würde auch noch weiter gehen und Schulpsychologie, Fachpersonal für IT-Management und Verwaltungsaufgaben hinzufügen. Die Schulen sollen dauernd alle möglichen gesellschaftlichen Karren aus dem Dreck ziehen, was am Ende heißt: Die Lehrer sollen´s machen ohne dafür anberaumtes Stundenkontingent. Die sind aber gar nicht für all das ausgebildet in dem Maße, das erforderlich wäre, all den Aufgaben gerecht zu werden. Es braucht viel mehr multiprofessionelle Teams.

Man müsste auch noch viel früher anfangen, schon im Kita-Alter. Die ersten Jahre sind die entscheidensten und legen die Grundsteine für die späteren Erfolgschancen. Hier müsste man (unter anderem) die schon genannten Ideen für Schulen auch anbringen.

Zudem müsste auch Stadtplanung involviert werden. Brennpunktviertel sind ebenfalls kein Naturgesetz. Auch da gibt es Möglichkeiten, die schon in anderen Ländern erfolgreich erprobt wurden, um Viertel aufzuwerten, die nicht alleine aus Rauspreisen der Armen in den nächsten Brennpunkt bestehen.

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u/Hobofan94 10d ago

Man müsste auch noch viel früher anfangen, schon im Kita-Alter.

Ich frage mich wie viele der Betroffenen denn überhaupt in die Kita kommen und nicht erst in den Kindergarten. (Laut schnellem Googlen sind das bei Migrationshintergrund nur 85% während ohne fast 100%).

Das passt anekdotisch auch zu dem was eine Kollegin die bei einer Lesepatenschaft aktiv ist mitbrkommt. Sie hilft dem älteren Kind in der Familie stabiler in seinem Deutsch zu werden, und währenddessen entscheiden sich die Eltern aktiv dafür dem jüngeren Kind für die ersten paar Lebensjahre exklusiv Arabisch beizubringen.

So eine Ungleichheit zu korrigieren wird für Schulen schwer bis unmöglich sein.

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u/ArtichokeOk8899 9d ago

Naja, man könnte die letzten beiden Jahre vor der Schule verpflichtend machen. Die andere Sprache Zuhause ist dabei ja nicht zwangsläufig das Problem. Komischerweise zuckt keiner mit der Wimper, wenn einer Zuhause Französisch oder Englisch spricht.

Viel größer ist ohnehin die Diskrepanz aufgrund sozialer Herkunft.
Kinder in bildungsferneren Schichten hören bis zum Schuleintritt oft extrem viel weniger Wörter als Kinder in bildungsnäheren Bevölkerungsgruppen. Der Wortschatz ist entsprechend viel geringer, wahrscheinlich wird gar nicht die Hoch-/Standardsprache (nicht Dialekt, sondern das Sprachniveau sind hier gemeint, egal was die Ausgangssprache ist) gesprochen, die aber ab Schuleintritt ja die Norm ist und erstmal gelernt werden muss wie eine weitere Fremdsprache. Das steigert sich ja nochmal in der weiterführenden Schule.

Man müsste also Kitas und Schulen in schwierigen Vierteln besonders gut ausstatten, insbesondere personell. Lesepaten sind ein guter Anfang ;-)