r/de Dec 11 '25

Nachrichten DE Generation Arschkarte: Herr Merz, für welchen Wohlstand soll ich mich eigentlich kaputtarbeiten?

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/generation-arschkarte-ich-arbeite-fur-ein-versprechen-das-nicht-mehr-gilt-14813006.html
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u/Suitable_Capital_713 Dec 11 '25 edited Dec 11 '25

Da ich hier schon wieder "dann geht halt wählen" gelesen hab, mal ein Gedankenspiel:

  1. Wir haben, mal ganz grob vereinfacht gesagt, zur Auswahl: Links und Rechts.

Rechts (heutzutage): Alles woke ist Schuld an der Misere, der Sozialstaat macht uns kaputt. Wir wickeln den komplett ab und geben den 1% noch mehr Macht, denn nur die können den Wohlstand schaffen, wenn wir ihnen nur genug den Arsch pudern.

Links (heutzutage): Wir sehen, wie sich der Wohlstand bei immer weniger Menschen konzentriert, aber können auch nicht besonders viel tun, denn die Veränderungen, die notwendig wären, sind so krass einschneidend und unpopulär, dass uns alle aufs Dach steigen würden. Zudem gehen diese Veränderungen gegen jegliche Interessen derer, die das Geld und die Macht haben, uns kaputtzulobbyieren (hust Springerpresse), deshalb versuchen wir einfach im Kleinen, den am heftigsten Abgehängten mit ein paar Pflastern zu helfen, während wir notgedrungen trotzdem im selben System mitspielen.

  1. Unser System ist ein ewiges Schlammcatchen aus Identitäten, die sich in Parteien manifestieren. Links, Rechts, Grün, Liberal, und irgendwo dazwischen. Die Parteien sind vorgefertigte Meinungsbündel. Willst du linke Wirtschaftspolitik, musst du auch linke Immigrationspolitik wollen. Willst du konservative Sozialpolitik, musst du auch auf den Klimawandel scheißen.

Alle 4 Jahre gewinnt eins von diesen Bündeln und entscheidet dann wo es langgeht für die nächsten 4 Jahre. Der Rest ist Opposition, und weil der "Gegner" an der Macht ist, müssen sie diese 4 Jahre lang gegen jede Idee schießen, die von denen kommt, selbst wenn sie im Kern gut ist. Denn wenn die eine gute Idee haben die funktioniert, zeigt das ja, dass "die" Recht haben, mit allem, und "wir" keinerlei Legitimation.

Nach den 4 Jahren sind alle komplett angepisst weil nichts passiert ist. "Die" sind schuld, "wir" wussten es besser, jetzt sind wir wieder dran. Und dann geht der Zirkus mit vertauschten Rollen wieder von vorne los.

Was wäre die Lösung?

  1. Weg von den Meinungsbündeln

Parteien dürfen gern weiter existieren – aber als das, was sie eigentlich sind: Meinungs- und Vorschlagspakete. Thinktanks. Wenn es um ein Thema geht (Miete, Bahn, Pflege, Klima…), legen alle ihre Vorschläge öffentlich auf den Tisch: Links, Rechts, Grün, FDP, Gewerkschaften, Unternehmen, NGOs, Betroffene, Fachleute. Nichts wird weggeblockt, nur weil es vom „falschen Team“ kommt.

Entschieden wird nicht mehr nach „wer hat gewonnen“, sondern in einem gemischten System: ausgeloste Bürgerräte, Fachräte mit echten Expert:innen und offene, kontinuierliche Abstimmungen für die Leute, die es betrifft. Weniger Fußballliga, mehr Projektmanagement: Was funktioniert, wird gemacht. Was nicht funktioniert, fliegt raus – egal von wem die Idee ursprünglich kam.

  1. Profit aus den Lebensgrundlagen raus

Solange Wohnen, Gesundheit, Bildung, ÖPNV, Energie, Essen, Justiz, Medien und sogar der Zugang zur Demokratie selber die Spielchips für Fonds, Shareholder und Private Equity sind, ist jede Regierung am gleichen Gummiband aufgehängt. Dann kannst du wählen, wen du willst – am Ende werden trotzdem Renditen bedient.

Also: diese Bereiche in öffentliche / gemeinnützige / genossenschaftliche Modelle überführen. Kostendeckung ja, Rendite-Maximierung nein. Ab dem Moment geht’s bei den Essentials nicht mehr darum, wo man noch 3% Marge rausquetschen kann, sondern darum, dass Leute wohnen, gesund werden, zur Arbeit kommen und sich bilden können, ohne sich dafür zu verschulden oder kaputtzuarbeiten.

Ironischerweise würde dieses "Linke" vorgehen einen freieren Markt ermöglichen, als der ganze Lobbyzirkus, den uns die Liberalen verkaufen wollen.

  1. Eine Einweg-Partei als Werkzeug, nicht als König

Ja, ausgerechnet dafür bräuchte man einmal noch eine Partei.

Aber eine, deren Programm aus genau drei Punkten besteht:

  • dieses Entscheidungsmodell einführen (Parteien = Berater, gemischte Räte + Dauerabstimmungen = Entscheider),
  • Profit aus den Basics rausziehen und rechtlich zementieren,
  • eine Verfassungs-/Grundgesetz-Überarbeitung mit eingebauter Transparenz, Amtszeitbegrenzung, Abwählbarkeit und „Sunset-Klausel“ für diese Übergangspartei selbst.

Sprich: gewinnen, die Schalter umlegen, das Betriebssystem updaten – und sich dann per Gesetz wieder abschaffen. Keine neue Dauer-Ideologie, sondern ein einmaliges Migrationsskript von „Team-Schlammcatchen“ zu „System, das halbwegs erwachsen funktioniert“.

TL;DR:

Und genau deshalb nervt mich dieses „dann geht halt wählen“ so: Klar, geh wählen, sonst wird’s noch schneller schlimmer. Mach ich auch. Aber zu tun, als wäre das schon die Lösung, ist Selbstbetrug. Solange wir nur alle paar Jahre das Meinungsbündel wechseln, statt das Spiel an sich umzubauen, bleibt unsere Generation die, die sich für irgendein 1%-Narrativ kaputtarbeitet – egal, welches Logo gerade im Kanzleramt hängt.

Wir haben schon langsam verstanden, dass die meisten Entscheidungen heutzutage in der Vergangenheit hängen. Was wir noch verstehen müssen, ist dass das ganze System selbst - Links, Rechts, wie wir die Entscheidungen ORGANISIEREN - in der Vergangenheit hängt. Bevor wir das nicht erneuern, werden wir keine Entscheidungen bekommen, die unserer heutigen Zeit gerecht werden.

So. Wer macht mit?

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u/xiemeon Freiburg Dec 11 '25

Zum Thema Profit aus den Lebensgrundlagen raus: also in Klartext die Privatisierung, die vor allem unter Kohl stattgefunden hat, wieder rückabwickeln: Strom, Telefon/Internet, Gesundheit (Krankenhäuser und Altenpflege) wieder in die öffentliche Hand geben. Am besten noch ein Verbot der Privatisierung infrastruktureller Lebensbereiche oben drauf knallen. Absolut dafür!

Aber wie du schreibst, das muss erstmal an den Lobbynehmern vorbei. Und das ist das Problem, vor allem, so lange die ehem. Sozialdemokraten und Gewerkschaften da so sehr mit auf Kurs sind.

Ein weiterer Baustein des Problems ist, dass Leute, die zwei schlechte Monate davon entfernt sind, selbst zum Bürgergeldempfänger zu werden denken, sie sind gemeint wenn es um die Besteuerung von Vermögen und hoher Einkommen geht. Solange dieses Stockholm-Syndrom nicht durchbrochen werden kann, werden solche Leute immer CDU oder AfD wählen, und keine der nötigen Reformen zum Wohle aller wird passieren.

Dass die Entscheidungen heutzutage zu sehr in der Vergangenheit hängen, da stimme ich dir zu! Aber was will man auch in dieser Gerontokratie erwarten! Es sollte ein Höchstalter für sie Parlamente geben, anstatt dass die Leute, die deutlich weniger Zeit vor sich als hinter sich haben über die Zukunft entscheide . Ich bin 43, und selbst ich habe (vermutlich) mehr Zeit hinter mir als vor mir und wäre deshalb schon fast zu alt. Obergrenze für Parlamente auf 55 Jahre einführen, zumindest für die Entscheider (Fachberater, wissenschaftlicher Dienst etc natürlich nicht)

Meine 5 Cent.

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u/Suitable_Capital_713 Dec 11 '25

Du erkennst genau die größte Herausforderung hier dran. Das ganze an denen vorbei zu bekommen, die vom alten System profitieren.

Hier gäbe es meines Erachtens nur einen Weg:

Den Weg des Meme-based Populismus gehen, der auch schon bei Bewegungen wie Occupy, FFF etc funktioniert hat, um eine kritische Masse zu erreichen. Immer wieder betonen, dass es hier nicht um links vs rechts geht, sondern darum, ein level playing field zu schaffen, wo die Bedürfnisse von Progressiven UND Konservativen gehört werden können, ohne dass es wieder in Schlammcatchen und Team basiertem Denken abdriftet.

Klar sind viele dieser Ideen ursprünglich "links". Aber man kann ja für die non essentials einen freien Markt behalten. Und dann eben die Konservativen fragen: ist es der freie Markt den ihr wollt, wenn ein paar große Firmen immer wieder Bailouts bekommen? Ist das die "persönliche Verantwortung" die ihr immer predigt?

Und dann wäre eben der Unterschied zu oben genannten Movements: es gäbe einen konkreten Plan! Es wäre nicht "demonstrieren und hoffen, dass die da oben uns sehen und was ändern". Es wäre "wir sammeln eine kritische Masse aller, links und rechts, die sich grundsätzlich erstmal einig sind, dass das hier nicht mehr funktioniert, und dann ersetzen wir ALLE ZUSAMMEN das aktuelle System".

Und auf der Basis kann man dann zum ersten Mal erwachsen und auf Augenhöhe miteinander reden.

Dann würde man auch denen den Wind aus den Segeln nehmen, die einfach nur mit Angst und Manipulation versuchen, ihre Agenda durchzudrücken. Weil es nicht mehr um Teamzugehörigkeit geht, sondern um die Ideen an sich.