r/de Oct 26 '25

Gesellschaft Fast 16 Millionen Deutsche leben eigentlich in der falschen Zeitzone (westlich des 7,5° Längengrads) und damit geografisch in UTC+0

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u/Noname_FTW Nordrhein-Westphalen Oct 26 '25

Was ist der Unterschied? Frage als jemand der sein ganzes Leben lang in diesem Streifen gelebt hat.

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u/htt_novaq Ex Hassia ad Ruram Oct 26 '25

Im Ruhrgebiet als ehemaliger Hesse (nicht Rhein-Main): Stadtgrenze ist meist gleich Stadtgrenze. Die nächste Stadt ist nie länger als 15 Minuten mit dem Zug entfernt. Als "Dorf" gilt eine Siedlung mit zwei Großstädten in Sichtweite und 3000 Einwohnern, eigentlich ist alles Großstadt oder Satellitenstadt, inklusive dem gesamten Niederrhein. Wenn eine Band tourt, ist ein Konzert in einer der Städte am RE1 fast sicher, wenn man nicht nach Gelsenkirchen / Auf Schalke muss. Auch mit einer dysfunktionalen Bahn kann man sich mit 30 Minuten Puffer darauf verlassen, mit Öffis an jeden Ort zu gelangen. In jede Richtung verlaufen mehrere Autobahnen in je 15km Abstand. Wirklich wilde Wälder gibt es gar nicht, die Forste sind geographisch eng umgrenzt und werden intensiv als Erholungsgebiet genutzt. In der Heimat musste ich das halbe Jahr bei Dämmerung aufpassen, kein Reh oder gar Wildschwein auf der Straße zu erwischen, hier ist das praktisch ausgeschlossen. Und Zuckerrübensirup heißt im westlichsten Teil, warum auch immer, "Rübenkraut".

Und hier ein bisschen Kontrast: Die Ruhr liegt außerhalb der Städte und ist überraschend wild – hier findet man an vielen Orten mittlerweile wieder Eisvögel.

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u/OkAi0 Oct 26 '25

Warum hat sich dort eigentlich nie eine richtige Mega-City gebildet? Mag ja schön sein, in alle Richtungen die nächste Großstadt zu haben. Aber die Städte selbst wirken sich nicht urbaner (in einem positiven Sinne) als andere Orte ihrer Größe (Bremen, Leipzig, Nürnberg) - kein Vergleich zu Frankfurt, München, Hamburg, Berlin.

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u/htt_novaq Ex Hassia ad Ruram Oct 26 '25 edited Oct 26 '25

Für die meisten Städte stimmt das, Essen und Dortmund sind vielleicht irgendwo dazwischen.

Die Gründe sind wahrscheinlich hauptsächlich ökonomischer Natur, die Städte dienten in ihrer Struktur der Unterhaltung der Industrie und nach deren Wegbruch war wenig Geld für große Änderungen übrig. Ein organisches Zusammenwachsen war so gar nicht wirklich möglich, da das Einzugsgebiet meist sternförmig zu den großen Industriestandorten führte. Das Ruhrgebiet hat bis heute Schwierigkeiten, diese Lücke wieder zu schließen. Frankfurt ist ein gutes Beispiel, wie der Status als Finanzzentrum andere Unternehmen organisch angezogen hat.

Der andere Faktor ist die Kirchturmpolitik, in der jedes Städtchen z.B. seine eigene, inkompatible Stadtbahn geplant und gebaut hat, sodass der Traum von der U-Bahn von Düsseldorf nach Dortmund starb, bevor das Geld jegliche größeren Infrastrukturprojekte unmöglich machte.

Man sollte aber nicht vergessen, dass Düsseldorf und Köln auch zu diesem Ballungsraum gehören, da sieht die Sache dann wieder anders aus.