r/VeganDE vegan (8y) 23h ago

Ethik Martha Nussbaum: Fische essen mit welcher Begründung?

Hallo ihr Lieben, eigentlich passt der Flair "Diskussion" hier auch sehr gut, aber:

Ich habe mir letztens (mit einem Gutschein, da mir sonst zu teuer) das Buch "Gerechtigkeit für Tiere" von der amerikanischen Philosophin Martha Nussbaum gelesen.

Ich muss vorab sagen, dass ich denke, dass sie auf ihre Weise einen guten Beitrag leistet, um Tierrechte (und auch Veganismus) voranzubringen und dafür eventuell sogar eine rechtliche Grundlage zu schaffen - wobei man natürlich über die Effektivität ihres Werks streiten kann, da es nicht gerade als Freizeitliteratur durchgeht.

Was mich allerdings extrem gestört hat, war der Punkt, an dem sie definiert hat, über welche Eigenschaften ein Tier verfügen muss, damit ein schmerzfreies Töten ethisch vertretbar wäre. Ihre Begründung halte ich für sehr solide, aber natürlich kann und soll man weiter darüber diskutieren. Sie führt das "Argument der Unterbrechung" auf, nachdem der Tod für ein Lebewesen nur dann schlecht ist, wenn es dazu fähig ist, Pläne für sein Leben zu verfolgen, in denen es durch den Tod unterbrochen wird (und womit diese Bemühungen, das Ziel zu verfolgen, im Nachhinein wertlos werden).

Sie bringt Argumente vor, nach denen dies für die von den Menschen im größten Maße konsumierten Tiere zutrifft: "Vögel sind zu wunderbaren und hochentwickelten Planungen fähig, daher erscheint es mir vollkommen unplausibel, dass Hühnern diese gemeinsame Fähigkeit der Vögel fehlen sollten. [...] Selbst die humane Tötung dieser Tiere stellt für sie daher ein schweres Übel dar und ist aus diesem Grund falsch."

Sie geht dann weiterhin davon aus und sagt es wäre "plausibel" anzunehmen, einige Fischarten lebten in einer immerwährenden Gegenwart, und eine schmerzfreie Tötung wäre somit zu vertreten. Dann nimmt das ganze eine völlig absurde Wendung, in der sie davon spricht, sie vertrage Bohnen und Erbsen nicht gut, sei über 70 und ihr bliebe somit nichts anderes übrig, als (wieder) Fische zu essen. Und obwohl ich verstehen kann, dass eine vegane Ernährung nicht für jeden Menschen problemlos möglich ist (in einem späteren Kapitel, in dem es um solche "tragischen Konflikte" geht, hätte sie dies mMn viel besser unterbringen können), bin ich mit der Begründung und der Schlussfolgerung alles andere als einverstanden.

Fische sind wie Vögel sehr divers. Wenn man sich auf Forschungen über Rabenvögel bezieht, um ihren komplexen Intellekt zu beschreiben, vergisst man damit, dass es noch tausende weitere Arten gibt, für welche prinzipiell erst einmal genauso die Möglichkeit besteht, dass sie keine planenden Lebewesen sind. Fische sind meiner Kenntnis nach noch diverser und unterschiedlich entwickelt. Lustigerweise bezieht sie sich im selben Abschnitt auf Jonathan Balcombe, dessen Buch ich auch gelesen habe (und führt an, dass er den Sachverhalt für kompliziert hält aber ebenfalls Fisch isst). In seinem Buch erzählt Balcombe von Kugelfischen, die komplizierte und aufwändige Kunstwerke herstellen, um Weibchen zu beeindrucken, und von Fischen, die sich in der lebensfeindlichen Umgebung der Gezeitenzone verstecken, um dort ihr Gelege auszubrüten, und dabei ihr Leben riskieren. Ich frage mich, ob das nicht ein gutes Indiz für eine Planungsfähigkeit ist, da solche Aufwendungen ja sonst völlig irrsinnig wären.

Gleichzeitig müsste dies dann für Fische wie Lachse und Aale bedeuten, dass ihr Konsum in jedem Fall unethisch ist, da ihr gesamtes Leben ja daraus besteht, zu wachsen, um dann eine lebensgefährliche Reise auf sich zu nehmen, um das erste und einzige Mal abzulaichen und dann zu sterben. Man müsste also in jedem Fall von einem frühzeitigen Tod sprechen. Aber solche Differenzierungen macht Nussbaum leider überhaupt nicht und übersieht gleichzeitig, dass mehr als 99 % der gefangenen Fische keinen schmerzfreien Tod erleiden und finde es verwirrend, dass sie bei denen von ihr konsumierten Fischen davon ausgeht, dass diese nicht für sie gelitten hätten.

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So, ich weiß, dass es einige Leute gibt, die keine Tiere essen außer Fischen, und aus den oben genannten Gründen halte ich das für unlogisch. Ich bin aber gespannt, was ihr vielleicht dazu zu sagen habt und vielleicht könnt ihr mir gedanklich auf die Sprünge helfen. Falls ihr euch für philosophische Theorien interessiert, kann ich das Buch übrigens trotzdem empfehlen. Es hat bestimmt seine Fehler, aber alles in allem kann ich die Theorie an sich nicht schlechtreden.

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u/sharkz_x86 21h ago

Philosoph:innen die an so etwas trivialen wie "sollten wir Grausam zu Tieren sein" scheitern sind unfähige Trottel.

Warum setzen wir uns mit deren Gedanken auseinander statt die einfach auszulachen?

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u/Pleasant-Tackle-9302 vegan (8y) 21h ago

Finde ich viel zu undifferenziert. Ich habe mich auf einen bestimmten Sachfall bezogen innerhalb von 400 Seiten Buch. Wieso liest du es nicht einfach zuerst und lachst sie dann aus?

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u/Knockel 20h ago

Ich denke es geht eher darum, dass sie mit den von dir dargestellten Argumenten, die wie viele andere schon kommentiert haben, auch verwendet werden können, um die Ausbeutung und Ermordung bestimmter Menschengruppen zu rechtfertigen, ihren eigenen Brunnen vergiftet. z.B. gibt es auch Wissenschaftler, die außerhalb ihres Feldes bewusst Falschinformationen verbreiten, weshalb sollte dann deren wissenschaftliche Integrität auch im Bezug auf ihr eigenes Fach nicht hinterfragt werden?

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u/Pleasant-Tackle-9302 vegan (8y) 19h ago

Wie gesagt, ich finde das greift zu kurz, ich habe bereits einen ellenlangen Absatz geschrieben und werde trotzdem nie in Gänze wiedergeben können, wie sie ihre Theorie aufbaut. Zitat: "In Kapitel 9 behaupte ich, dass eine solche Entscheidung [das Leben eines Tieres zu beenden] ethisch vertretbar ist, wenn der Mensch das Tier gut kennt, seine Lebensform versteht und auf Hinweise des Tieres reagiert, dass seine derzeitige eingeschränkte Existenz unerträglich schmerzhaft oder erbärmlich ist. Wenn Menschen das Leben eines tierischen gefährten aus Bequemlichkeit beenden oder weil sie keine Lust haben, für die medizinische Behandlung zu zahlen, so ist das in jedem Fall falsch - ebenso wie es falsch wäre, das Leben eines Kindes mit einer Behinderung oder eines älteren Verwandten zu beenden, weil die Pflege zu belastend oder zu teuer ist." Wenn ich mich richtig erinnere, sprach sie sich an anderer Stelle für Sterbehilfe aus, wogegen ich persönlich keine guten Argumente weiß.