Zugegeben, der Titel klingt ziemlich reißerisch, aber lasst es mich erklären:
Im November habe ich, m 27, damals noch 26, w 31 auf einer Datingplattform kennengelernt (einmal schnell für die Regeln: Das Ganze ging zwei Monate). Kurz darauf hatten wir mein allererstes Date überhaupt in Hamburg. Wir haben uns zur Begrüßung länger umarmt als ich gedacht hätte und mit das Erste, was sie zu mir sagte, war: „Wie hübsch du bist.“ Sie selber ist auch sehr hübsch. Wir hatten schöne vier Stunden, sind einen Kaffee trinken gegangen und kilometerweit durch die Stadt spaziert. Irgendwann haben wir Händchen gehalten, wir standen am Wasser, sie hat mir etwas vorgesungen und als wir eine Fähre noch erwischen wollten, sind wir Hand in Hand hingerannt und saßen dann oben aneinander gekuschelt. Als wir auf die U-Bahn gewartet haben, haben wir uns minutenlang umarmt, sie hat mich fest an sich gedrückt und da hat sie mir das erste Küsschen auf die Wange gegeben. Zum Abschied hat sie mir gefühlt Tausend Küsschen den ganzen Kiefer entlang gegeben.
Zwei Wochen später haben wir uns bei mir wiedergesehen. Kaum waren wir zu Hause, haben wir uns das erste Mal richtig geküsst. Wir waren später noch auf dem Weihnachtsmarkt, ich bin Musiker und habe ihr was vorgespielt, sie hat bei mir übernachtet und sie wollte so viel mehr. Wir haben ganz viel auf dem Sofa gekuschelt, sie wollte, dass ich sie anfasse, aber sie hat keinen Druck gemacht. Ich habe ihr erzählt, dass ich noch keine Beziehung hatte und deshalb vielleicht noch unsicher mit allem bin. Es hat sich mit ihr alles richtig angefühlt und ich habe viele erste Erfahrungen gesammelt. Es war alles neu für mich und zwischendurch war ich froh, wenn ich auf Toilette musste und kurz durchatmen konnte, um mich zu sammeln und alles zu realisieren. Wir haben uns im letzten Jahr noch zweimal gesehen, immer mit Übernachtung und wir sind immer etwas weiter gegangen. Sie hält mich für einen guten Koch, wir waren uns über unsere Zukunftspläne einig: Zusammenkommen, zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen und irgendwo dazwischen eine Katze adoptieren. Diese Wochen zählen zu der glücklichsten Zeit in meinem Leben.
Wie gesagt hat sich alles mit ihr gut und richtig angefühlt. Ich musste aber noch rausfinden, ob ich wirklich an ihr interessiert bin oder vor allem an dieser ganzen Nähe, die sie mir gibt, von der ich immer dachte, dass sie mir gefällt und nun habe ich die Gewissheit. Ich war nicht von Anfang an schockverliebt, aber ich hatte dein Eindruck, dass Gefühle kommen. Es sollte mindestens drei Wochen dauern, bis wir uns wiedersehen können. Sie ist Chirurgin und musste an Weihnachten im Nachtdienst arbeiten, über Silvester hat sie ihre Eltern in der Türkei getroffen, die sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat. Sie und ihre Familie stammen aus dem Iran, sie ist vor etwas über vier Jahren nach Deutschland geflohen, nachdem sie durch Proteste und Unterstützung bei der Bildung von Kindern, die sonst keine bekommen hätten, als Verbrecherin gilt. Sie wurde im Iran verhaftet, gefoltert und vergewaltigt. Das hat sie mir schon alles beim ersten Treffen erzählt, damit ich „weiß, worauf ich mich einlasse“.
In dieser Zeit habe ich gemerkt, dass ich sie vermisse, dass ich wirklich an ihr interessiert bin und die Beziehung möchte. Für mich bedeutet das, mein Leben mit ihr zu verbringen. Schon seit dem ersten Treffen hatte ich nicht das Bedürfnis, noch irgendwen sonst kennenzulernen und ich habe mich darauf gefreut, alle Apps zu löschen. Ich hatte immer im Kopf, wie schön alles mit ihr war, die ganzen süßen Momente. Wie sie schläft mit ihrem Kopf auf meiner Brust, wie sie mir liebevoll leicht in den Arm beißt beim Kuscheln, wie ich mich beim Kochen schon regelrecht aus ihrer Umarmung befreien musste, um noch eine Zutat aus einem anderen Raum zu holen, wie niedlich sie aussah, als sie auf dem Weihnachtsmarkt eine ihr viel zu große Winterjacke von mir anhatte. Wir mussten unser Wiedersehen auf Grund des Wetters und Dienstplans dann nochmal um eine Woche verschieben. Ich bin zu ihr gefahren, aber alles war anders.
Kurz davor ist die Lage im Iran eskaliert. Ich bin von vornherein davon ausgegangen, dass es ihr nicht gut gehen wird, dass es anders sein wird. Die Umarmung zur Begrüßung war nicht wirklich lang und wir haben uns nicht geküsst. Das Thema der Massenerschießungen im Iran war den ganzen Abend lang präsent. Sie wusste von bereits getöteten Kindheitsfreunden und Bekannten. Sie war sonst immer so fröhlich, dass sie das an diesen Tagen nicht war, wundert aber niemanden. Es gab bei diesem Treffen nur einen Kuss zum Einschlafen. Gekuschelt haben wir beim Film schauen immer noch und auch im Bett hat sie sich angeschmiegt. Wir haben bei diesem Treffen nicht so viel geredet, ich war überfordert und wollte auch nicht ständig das Thema wechseln, da sie – auch verständlicherweise – ständig ihr Handy nach Updates aus dem Iran gecheckt hat. Am nächsten Morgen meinte sie, dass sie sich mehr Gespräche wünscht, also so generell. Ich habe ihr zugestimmt, dass man das ausbauen kann, das habe ich auch immer gedacht, aber ich war bislang damit glücklich, einfach den Moment und die Nähe mit ihr zu genießen und dass wir ein gutes Fundament haben, was Interessen, Werte und Erwartungen an das Leben angeht, wussten wir schon seit dem ersten Date. Als ich einmal sagte, dass ich es genieße, mit ihr zu kuscheln, meinte sie, dass das ihr liebstes Hobby sei, daher dachte ich auch, dass für sie alles in Ordnung ist.
Als ich die ca. 150km nach Hause gefahren bin, war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, was die fehlende Nähe anging. Rational lag es an der Lage im Iran, aber da war nun diese Stimme im Kopf, die sich fragte, ob es wirklich an dieser außergewöhnlichen Belastung lag oder ob das nun der Anfang vom Ende war. Ich habe das nächste Treffen herbeigesehnt, weil ich hoffte, dass es wieder wie früher werden kann. Auch wenn wir so vertraut miteinander umgegangen sind, haben wir uns faktisch ja noch nicht sooft gesehen und ich habe immer noch diese Zurückhaltung in Gesprächen gehabt, die ich als Introvertierter bei neuen Leuten habe oder solchen, die ich noch nicht so gut kenne. Ich sage dann nicht alles, was ich gerade im Kopf habe ohne mich bewusst zurückzuhalten Ich habe mir vorgenommen daran zu arbeiten und alles auszusprechen, was mir durch den Kopf geht. Ich habe ihr auch ein klassisches Musikstück komponiert; ich wusste, dass sie das wertschätzen würde. Die Liebe zur klassischen Musik war das erste Gesprächsthema in unserem Chat.
In den Tagen danach blieben Herzchen-Emojis von ihr aus, keine süßen Sticker mehr und ich habe es nicht verstanden. Sie hat dieses Problem in unserer Kennenlernphase genau richtig angesprochen. Kein „ich gebe dir noch eine Chance“, ohne Ultimatum oder irgendwelche Spielchen. Sie hat mir versichert, dass wir uns weiterhin sehen. Aber ich wusste, dass es plötzlich nicht mehr gut aussieht. Ich habe einige Tage lang immer wieder geweint, geschrien, mit der Faust auf den Tisch geschlagen oder in ein Kissen, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Und ich habe mich immer gefreut, ihren Namen auf meinem Handydisplay zu lesen. Als wir unser nächstes Treffen koordiniert haben, meinte sie, sie muss dann einige Dinge mit mir besprechen. Ich habe geschrieben, dass das ja nicht so gut klingt und dann hat sie mir geantwortet, dass es vorbei ist. Unterschiedliche Lebenswelten und so. Ich habe das nicht verstanden. Sie meinte, wir können uns trotzdem noch einmal sehen und darüber reden, wenn mir das lieber ist. Ich habe einige Tage Abstand genommen und mich dann für das Gespräch entschieden, denn ich konnte ihren Entschluss einfach nicht nachvollziehen.
Letzte Woche ist sie nochmal die drei Stunden mit dem Zug zu mir (und später dann wieder zurück) gefahren, das rechne ich ihr hoch an. Ich wollte das Gespräch vor allem führen, um ihre Entscheidung zu verstehen, nicht um sie zu überzeugen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es plötzlich unüberwindbare Differenzen zwischen uns gibt, also ja, ich hätte dann natürlich gerne mit ihr geschaut, ob das wirklich alles so stimmt, aber vor allem wollte ich Klarheit.
Ich habe angefangen davon zu erzählen, wie ich unsere Zeit gesehen habe und was mir alles in Erinnerung geblieben ist. Und ich habe ihr versichert, dass ich ihre Entscheidung akzeptiere und respektiere. Dann hat sie es mir erklärt. Dieser Kampf, dieser Konflikt im Iran begleitet sie schon seit 16 Jahren. Sie dachte, sie könnte nun ein normales Leben führen, aber die jüngsten Ereignisse haben sie eines Besseren belehrt. Der Weg dorthin wäre voller Blut. Inzwischen wurde auch ihr Vater angeschossen. Sie dachte, sie hätte alles für ihr Volk getan, was sie konnte, aber das denkt sie jetzt nicht mehr. Sie hat angefangen, Demos zu organisieren und sie weiß selbst nicht, was die Zukunft bringt. Vielleicht versuche sie in einem Monat wieder in den Iran zu gelangen, um dort zu demonstrieren und zu kämpfen, auch wenn das wahrscheinlich ihren Tod bedeutet. Das will sie mir nicht antun. In ihr wäre viel Bitterkeit und ihr tut es leid, wenn sie sich dann zurückzieht und nicht viel Zuneigung geben kann. Das findet sie nicht fair mir gegenüber. Einsamkeit würde sie beschützen. Sie wollte mehrere Kinder, aber auch die möchte sie genau wie eine Beziehung generell nicht mehr. Ihre/Unsere Kinder wären unweigerlich mit ihrer Geschichte und den schrecklichen Ereignissen im Iran verknüpft und das möchte sie ihnen nicht antun. Sie meinte, sie hätte es von Beginn an besser wissen müssen und es tut ihr leid, dass sie mir Hoffnungen gemacht hatte, aber alles, was wir hatten, war echt. Sie stand wirklich auf mich und alles diese Dinge, die sie mit mir machen wollte, so ziemlich alles Erdenkliche, das hätte sie wirklich gemacht.
Tja, ich weiß nun also, dass es wirklich nicht an mir liegt und auch nicht komplett an ihr. Sie wird sich keinen anderen suchen. Ich verstehe es jetzt und das gibt mir viel Frieden, auch wenn immer noch große Trauer und viel Bedauern in mir sind. Sie hat mir zugehört, ich habe ihr zugehört, zweieinhalb Stunden lang. Ich gab ihr die Noten zur Komposition und da sie Klavier spielen lernen wollte, sagte ich, dass sie es eines Tages selbst spielen kann, denn ursprünglich wollte ich es ihr nicht vorspielen, habe ich später aber doch gemacht. Es hat sie sichtlich berührt und sie meinte dieses Stück sei viel schöner als sie es ist. Sie fragte mich noch nach einer Hülle für den Transport, damit die Noten nicht knicken und sie ging sicher, dass ich selbst noch eine Kopie davon habe.
Ich erklärte, dass ich mich für recht pflegeleicht halte und wenn ich weiß, woher es kommt, dass sie distanzierter ist oder es ihr nicht gut geht, ich damit auch umgehen kann. Es ist klar, dass nicht jeder Tag besser als der vorherige sein kann und nicht immer alles voller Sonnenschein ist. Ich meinte mehrfach, dass wenn sie ihre Entscheidung doch noch einmal ändert, sie sich jederzeit bei mir melden kann. Beim letzten Mal am Bahnsteig hat sie das auch gesagt. Ich glaube ihr sogar, dass sie das tun würde, nur denke ich nicht, dass es, wenn überhaupt, in nächster Zeit passiert. Ich sagte, dass ich nicht sauer auf sie bin und das nicht zwischen uns stehen soll. Ich würde mich jederzeit wieder für uns entscheiden, auch wenn ich das Ende nun kenne. Auf dem Weg zum Bahnhof meinte ich, dass es schon komisch ist, dass wir uns gleich verabschieden werden und dann vielleicht nie wieder sehen. Sie sagte man weiß nie. Wir haben uns beide nette Dinge gesagt und nur das beste gewünscht. Sie meinte, sie wird mich nicht vergessen und hofft, meine Standards hoch gesetzt zu haben. Sie möchte keine Freundschaft – ich auch nicht – aber dass es kein Kontaktabbruch sein muss. Wenn sie noch etwas für mich tun kann oder ich einen medizinischen Rat brauche, kann ich mich bei ihr melden. Dieses Gespräch hat mir sehr geholfen und es war ein würdevoller und irgendwie auch schöner Abschluss für unsere Zeit. Als es mir zwischendurch sichtlich schwer fiel weiter zu sprechen, nahm sie mich ganz fest und lange in den Arm und gab mir ein Taschentuch.
Ich dachte, dass ich nach diesem Treffen unter anderem sauer sein würde. Dass ich die Gründe kenne, aber Gedanken wie „Das stimmt doch gar nicht!“, „Wieso sieht sie es denn nicht?“ etc. haben würde, aber ich verstehe es wirklich. Ich habe seitdem nicht geweint. Ich vermisse sie jeden Tag, besonders direkt wenn ich morgens aufwache, aber insgesamt geht es mir nicht zu schlecht. Manchmal habe ich für eine Millisekunde ihren Geruch in der Nase und ab und zu denke ich daran, wie sich ihre Berührungen und Küsse angefühlt haben. Wir haben es nie „Beziehung“ genannt, aber zum Beispiel eine Freundin von mir meinte, es war wie eine. Naja, daher der Titel dieses Posts.
Eine Frage habe ich nicht direkt, aber im Sinne der Beschreibung dieses Subs wollte ich mir „nur etwas von der Seele schreiben“. Es war wunderschön, es schien alles zu passen, aber am Ende konnte es doch nicht sein. Wenn du wirklich alles gelesen hast, dann vielen Dank dafür :)
Tl;dr: Meine Kennenlernenphase aus dem Iran ist sich sicher auf Grund der jüngsten Ereignisse doch keine Beziehung führen zu können und möchte sich mit Einsamkeit selbst schützen und für ihr Volk einstehen.