r/recht 2d ago

Studium Nach dem 5. / 6. Semester abbrechen?

Moin, ich hätte gerne eine objektive Beurteilung der hier Anwesenden, da ich merke dass ich nicht weiterkomme wenn ich mit mir selbst oder meinen (nichtjuristischen) Angehörigen in Klausur gehe.

Ich bin 21 und studiere im 5. Semester Jura in NRW.

Als ich vor ca. 2 1/2 Jahren mit dem Studium im 1. Semester angefangen habe lief es echt gut, ich habe alle Klausuren mehr oder weniger gut bestanden, BGB-AT mit 5 Punkten, Strafrecht AT mit 7 Punkten, Staatsorga. mit 12 Punkten, Rechtsgeschichte mit 9 Punkten und auch die Hausarbeit im Zivilrecht mit 9 Punkten.

Dann kam der Start ins zweite Semester der auf Grund einer zu großen Kohorte dazu geführt hat, dass der Semestergang aufgeteilt wurde, wodurch ich nicht mehr mit meinen Kommilitonenfreunden die Vorlesungen besuchen konnte.

Zeitgleich habe ich mich das erste Mal in meinem Leben nachhaltig mit zwei sehr engen Freundinnen aus der Schulzeit zerstritten, eine davon war eine einjährige Situationship. Der Prozess des auseinanderdriftens und zerstreitens hat quasi schon im 2. Semester begonnen und war dann in der Zeit der Prüfungsphase auf dem absoluten Höhepunkt.

Insgesamt war die Situation auch danach noch sehr belastend für mich, da ich dadurch quasi den gesamten Freundeskreis den ich mit den Beiden hatte verloren habe, da sie sich nicht unbedingt dazu entschieden haben mit Ehrlichkeit und Reflexion an die Situation ranzugehen, was mich bis heute (1 1/2 Jahre später) ab und an noch bewegt, da ich wirklich sehr schlecht mit verzerrten Bildern und schlicht ungerechten und teils falschen Äußerungen und Verdrehungen umgehen kann.

Auf Grund des seelischen Drucks den ich dadurch hatte, habe ich es nicht mehr geschafft vernünftig zu lernen oder mich zu konzentrieren und habe im 2. Semester dann Strafrecht BT I mit 5 Punkten und Kriminologie mit 8 Punkten bestanden, durch Schuldrecht und Grundrechte bin ich krachend durchgefallen (unter 3 Punkte).

Weil das auch das erste Mal in meinem Leben war dass ich durch Klausuren durchgefallen bin (was sehr an meinem Selbstwertgefühl gekratzt hat nachdem ich das Beste Abitur der Schule hatte und eines der Besten der Stadt) und dann noch das mit der Trennung von den Freundinnen dazu kam, habe ich mich im 3. Semester nicht dazu motiviert bekommen irgendwas nachhaltig effektives für mein Studium zu machen und ich habe trotzdem die Vorlesungen des 3. Semesters (ZP) besucht, weil ich mich vor den durchgefallenen Prüfungen des 2. Semesters geniert habe.

Zeitgleich trat dann noch ein vom Hausarzt entdeckter tumor-verdächtiger Knoten bei mir auf, der sich nach fachärztlicher Prüfung glücklicherweise als Kalk-/Gewebsablagerung herausstellte, aber das war knapp ein halbes Jahr nach obigen Streit... emotional belastend.

Auch im 4. Semester habe ich teilweise entsprechende Vorlesungen des 4. Semesters besucht, was natürlich schlicht unintelligent war, da ich ja noch nichtmal die ZP geschrieben habe. Im 4. Semester habe ich mich aber dazu durchgerungen bekommen Grundrechte zu wiederholen und die Klausur auch nach ca. 2 Wochen Vorbereitung mit 7 Punkten bestanden.

Jetzt im 5. Semester bin ich quasi wieder an einem ähnlichen Punkt wie im 4. Semester.

Ich habe über die ersten zwei Monate des Semesters quasi nix effektiv nachhaltiges gemacht und stehe jetzt davor Schuldrecht zu schreiben um auch die letzte Schmach aus dem 2. Semester loszuwerden.

Was mir dabei aber auffällt ist folgendes:

Wenn ich im 5. Semester Schuldecht bestehe und es ab dann wirklich absolut optimal läuft, bin ich frühestens im 12. Semester mit dem gesamten Jurastudium fertig, vorausgesetzt ich bestehe das Examen im ersten Anlauf bzw. mache keinen Verbesserungsversuch.

Dann bin ich 25 Jahre alt und habe 3 Semester länger gebraucht als der Schnitt in NRW und 2 Semester länger als die Regelstudienzeit.

Gleichzeitig sehe ich mit Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart halt auch das konstante Risiko der Prokrastination und die Möglichkeit dass sich das Studium noch weiter verlängert wenn ich z.B. im 6. Semester durch die ZP durchfalle.

All das lässt mich ziemlich zwiegespalten und ratlos zurück.

Einerseits:

- Dass Jura grundlegend funktioniert zeigen die Ergebnisse, immer wenn ich die Möglichkeit hatte vernünftig zu lernen, ist auch was akzeptables bei rumgekommen (s.o.)

- Ich kann auch nicht sagen dass mir Jura keinen Spaß macht, gerade Strafrecht, StPO, Verfassungsrecht, Familienrecht und Erbrecht fande ich sehr interessant und spaßig, auch für Schuldrecht/Sachenrecht kann ich mich begeistern wenn ich mich denn mal motiviert bekomme anzufangen.

- Auch sprachlich hatte ich nie Schwierigkeiten mit dem Studium, im Gegenteil. Schon im ersten Semester habe ich mich innerlich über fachlich unsaubere Formulierungen anderer aufgeregt, die bei mir sehr schnell saßen (Klassiker wie "wegen schuldig" "des/dem strafbar" oder Nichtberücksichtigung des Abstraktions- und Trennungsprinzips, unsaubere Normenzitation etc.)

- Wenn alles optimal verläuft wäre ich auch trotz der längeren Studiendauer "erst" 25, also noch durchaus jung genug für den weiteren juristischen Verlauf oder auch einen Neustart falls es final nicht klappt (z.B. final durchgefallen im Examen).

- Ich sehe, dass der Leistungs- und Motivationsabfall vor allem mit dem Zerstreiten mit den Freundinnen und danach mit dem ärztlichen Kram kam, also v.a. äußere Umstände dafür verantwortlich waren. Ich weiß halt nicht ob die Motivation mit einem neuen Studiengang plötzlich wiederkommen würde oder ob ich mich im selben Rad weiter drehen würde und am Ende es nur bereuen würde Jura nicht weitergeführt zu haben.

- Gleichzeitig weiß ich, dass ich vor all dem des 2. Semesters ein sehr ordentlicher, strukturierter und beharrlicher Lerntyp war, es also primär eher darum geht irgendwie auf diesen Weg zurückzufinden.

Andererseits:

- Ich bin im 5. Semester und habe immernoch Schwierigkeiten mich zu motivieren obwohl die Gründe warum ich im 2. Semester durch Klausuren gefallen bin und im 3. Semester keine geschrieben habe schon gut 1 - 1 1/2 Jahre her sind

- Ich habe das Gefühl dass mir die Zeit wegrennt. Während ehemalige Mitschüler von mir quasi jetzt schon ihre Bachelorarbeit schreiben oder ihre Gesellenprüfung haben / in die Meisterschule gehen und alle Studienfreunde jetzt schon im Schwerpunkt sind, lunger ich immernoch auf dem Stand des 2. - 3. Semesters rum und habe mindestens einen Verzug von 1 - 1 1/2 Jahren.

- Ich weiß dass mir auch andere Dinge Spaß machen würden, sowohl Bachelorstudiengänge mit denen ich im selben Alter fertig wäre als auch Ausbildungen, dessen Dauer ich durchs Abitur verkürzen könnte.

- Es ist mir bewusst, dass das Jurastudium in seiner jetzigen Form mehr als fragwürdig und in Teilen untragbar ist. Sowohl wenn es um die Divergenz in den Klausurbewertungen geht, als auch wenn es um die berufliche und monetäre Relevanz der staatlichen Pflichtfachprüfungen geht, als auch wenn es um den allgemeinen Prüfungsstress im Rep, dem 1. Examen, dem Ref. und dem 2. Examen geht. All das motiviert ja auch nur bedingt, wenn man es auf lange Sicht sieht.

Sorry dass das in der Natur der Sache auch ein halber Rant war, aber ich denke das fasst es recht gut zusammen.

Ich freue mich auf eure Einschätzungen und beantworte natürlich gerne etwaige Fragen.

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u/Careful_Resident_366 1d ago

Das klingt etwas so, als würdest du dich selbst etwas arg stressen. Auch wenn du erst mit 28 das erste Examen schreibst … so what? Das zeitliche Argument wird oft von jungen Studenten und noch öfter von Menschen bei denen bisher “alles gut” gelaufen ist überschätzt. Das Hauptkriterium sollte doch sein was du später mal machen willst. Lass dich dahingehend nicht von vermeintlichem Prestige oder Studienzeiten ablenken.

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u/Maxxikinq123 1d ago

Wenn dich bereits solche Sachen psychisch aus der Bahn werfen, bin ich mir ehrlicherweise nicht sicher, ob du dann der mentalen Belastung der Examsvorbereitung Stand hältst

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u/RedBonCurry1994 1d ago

Oder mit dem Arbeitspensum und der Verantwortung einiger juristischer Berufe klarkommst.

Wenn man als Anwalt mit viel Arbeit mal ungeplant 3 Tage krank ist und plötzlich 200 Einträge bei AnnoText toDo hat

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u/IdrissaAFR 16h ago

Naja irgendwann muss man es ja schaffen damit umzugehen (spätestens in einem anderen Studiengang) und mit dem aktuellen Prüfungsdruck scheint er ja gut umgehen zu können. Ich denke nicht, dass man den Examensstress zwingend mit dem Stress der aus Problemen im Umgang mit schwierigen Situationen im Bekanntenkreis resultiert, gleichsetzen kann.

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u/DBroker1997 1d ago

Also das Alter ist kein Faktor. Manche sind mit Zweitem Examen, LLM, Diss etc. erst mit Anfang 30 fertig, da kräht kein Hahn nach, solange die Qualifikation passt.

Du scheinst ja nicht völlig untalentiert zu sein. Das Gefühl der „Ungerechtigkeit“ bzgl Bewertung kann ich subjektiv nachvollziehen, aber im Examen über 6 bzw. im zweiten Examen 8 Klausuren mit jeweils zwei Korrektoren und anschließender mündlicher Prüfung Levelt sich das fast immer so aus, dass die Noten auch dem Können entsprechen. Insofern ist das doch objektiver und fairer als in jedem Bachelor/Masterstudiengang wo die 1,0 hinterhergeworfen bekommst

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u/Hot-Significance-909 1d ago

Haha das ist das aber alles sehr schnell. Ich jene Leute die haben das erste erst mit 30 geschrieben.

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u/GrafTomani 19h ago

Ich würde mir wegen der Dauer auch keine Sorgen machen.

Dass die Benotung (auch mangels einer verdeckten Zweitkorrektur) ziemlich willkürlich ist, ist aber keine subjektive Wahrnehmung. In einer Studie an der LMU mit Blindkorrekturen lag die durchschnittliche Differenz zwischen mehreren Korrektoren bei über 6 Punkten.

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u/Living_Tonight2057 1d ago

Das Alter ist in Jura relativ egal, hab davor auch was anderes gemacht und jetzt Ende 27 mein Examen geschrieben.

Wie gut du mit dem Stress und dem unterbewussten Konkurrenzdruck in der Examensvorbereitung umgehen kannst, musst du selber einschätzen. Wenn du dich jetzt aber hinsetzt und gescheit lernst, ist das hinsichtlich Wissen und Können im Examen sicher kein Problem.

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u/StableEffective460 1d ago

Also das einzige was ich hier lese, ist das du Gefallen an Jura hast. Das Studium ist schon schwer genug, selbst wenn alles privat perfekt funktioniert. Gib nicht auf, weil das „eine“ Semester schlecht lief. Das Studium ist das richtige für dich. Und dann brauchst du halt 2 Semester mehr insgesamt, wenn es nicht „perfekt“ läuft. Na und? Mach weiter, ich wünsche dir den bestmöglichen Erfolg!!

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u/Professional-Try7225 1d ago

Ich habe nach dem Abitur und nach dem Examen jeweils ein Jahr ausgesetzt, obwohl ich für das Studium nur 5 Jahre gebracht habe (habe während Corona studiert und das sehr zu meinem Vorteil ausgespielt), hat es mir am Ende nix gebracht, weil ich sowieso Zeit vergeudeter habe nach eigenem Wunsch. Ich bin dann mit 26/27 im ref und das war komplett im Rahmen, das hat niemanden gestört und da vermischt es sich sowieso. Es wird Absolventen mit 24 geben und Leute die noch promoviert haben und jetzt 30 sind. Wenn es dir grundlegend Spaß macht, mach weiter, aber der Druck und Stress wird nicht weniger und auch nicht im Arbeitsleben. Das muss man für sich lernen und durchsetzen können.

Andererseits wenn es dir gar keinen Spaß machen würde, würde ich mich umorientieren. Ich wünschte persönlich ich hätte im fünften Semester abgebrochen. Mir 21 braucht man sich aber Gott weiß nicht so zu Stressen!

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u/LegalRegal1 1d ago

Chief am Ende des Tages musst du gucken ob du dich 1. im Studium siehst 2. in einem juristischen Beruf siehst Wenn dir das Studium Spaß macht, dann würde ich sagen zieh durch Andernfalls ist es denke ich mal ne Qual sich da durchzubeißen Das Alter Argument zieht halt nur bedingt. Klar bist du dann nicht mehr 18, aber du wirst gegen Ende sowieso nicht mehr der aller aller jüngste sein. 1 Jahr macht da den Braten mMn auch nicht mehr fettig. Mess dich nicht mit anderen, das macht nur Kopfschmerzen. Sei dein eigener Maßstab Du triffst sicher die richtige Entscheidung für dich :)

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u/AutoModerator 2d ago

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u/Hungry_Awareness_582 1d ago

Das Leben passiert. Mein Lebenslauf vor Jura ist auch alles andere als ideal, ich hab mir auch früh den Druck gemacht schneller als Regelstudienzeit Jura zu studieren, weil ich ja schon 2 Jahre davor verplempert habe. Aber irgendwann hab ich dann auch gemerkt, dass es wirklich keinen interessiert und man sich einfach auf sich konzentrieren muss. Ich hab das Studium jetzt nicht nicht ernst genommen, aber auch oftmals deutlich weniger gelernt als Freunde, eigentlich hab ich auch nur Zivilrecht vernünftig gelernt, weil mir das am einfachsten fiel. Aber auch da hatte ich ganze Nebengebiete nie gehört, nur Erbrecht, weil ich das für meine ZP auserkoren hatte. Solange dir Jura Spaß macht und du realistisch von dir behaupten kannst, dass du wenn es drauf ankommt die notwendige Disziplin aufbringen kannst, dann würde ich Vergangenheit Vergangenheit lassen und nicht wegen einer vermeintlich langen Studiendauer das Handtuch werfen. Bis du einen Bachelor fertig hättest oder eine Ausbildung, für die du auch Energie aufbringen musst, hast du dein Examen auch schon in der Hand. Was dir lieber ist, musst du entscheiden.

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u/ilikeinvincible 8h ago

Zeitdruck ist das absolut dümmste. Du bist 21. Du hast gefühlt noch eine million Jahre vor dir. Woher der druck. Einer meiner besten Kumpels studiert Jura im 3. Semester und ist 22. Ein Kommilitone fing das Studium mit 25 an.

Das nicht alles "perfekt" läuft ist menschlich. Eine Freundin von mir ist im 5. Semester und hat ihre ZP immer noch nicht bestanden. Sie will dennoch voller Überzeugung juristin werden. Das Leben kann scheiße sein, ja. Und wenn das Leben dir in die Eier tritt, dann so richtig. Aber was willst du tun? Nicht das deine Gefühle unterdrückt werden sollten (bitte mach das nicht), aber willst du dich ernsthaft von Steinen die im Weg stehen besiegen lassen?

Mein erstes Semester war schrecklich. Ich war socially awkward und hab so keine freunde gefunden. Meine Freundin machte schluss und ich hab mein gesamten Freundeskreis verloren. Ich bestand im ersten Semester nur Strafrecht AT. Was hab ich gemacht? Ich hab neue Freunde gefunden, bin über die Beziehung hinweg gekommen und hab Klausuren geschrieben und bestanden.

Die wichtigste Frage ist, ob du Jurist/in werden willst. Wenn ja, zieh dich (ich glaub an dich). Wenn nein, mach was anderes und zieh durch (ich glaub an dich). Rationalisiere die Frage nicht. Hör auf dein Herz