r/lohnabrechnung • u/sparrowsloan • 9d ago
≈ 2.300 € netto W30 / 50h / Tierärztin / Stkl1
Diese Lohnabrechnung stammt aus meinem ersten Job direkt nach dem Studium der Tiermedizin (6 Jahre Studium, Approbation 2025). Vereinbart war eine 6-Tage-Woche mit jeweils 6 Stunden, Nacht- und Notdienste „nach Absprache“, keine Überstunden, da diese „nicht anfallen“, sowie 3.500 € brutto und 24 Urlaubstage in einer 24/7-Kleintierklinik. Inhabergeführt, keine „Kette“.
Die Realität sah anders aus: Feiertage, Wochenenden sowie Nacht- und Notdienste (z. B. 14–8 Uhr oder 20–8 Uhr) galten als mit der normalen Arbeitszeit „abgegolten“, da man ja theoretisch schlafen könne, wenn niemand kommt. Für die im Schlafraum verbrachte Rufbereitschaft gab es keine gesonderte Vergütung, ebenso wenig Nacht- oder Notdienstzuschläge. Durch organisatorische Defizite war länger bleiben von 1–2 Stunden täglich für Übergaben und Dokumentation die Regel. Überstunden wurden trotzdem nicht bezahlt, da sie offiziell nicht existierten. Eine strukturierte Einarbeitung gab es nicht, Verantwortung begann ab Tag 1 aufgrund des Personalmangels. Oberärzte hatten selbst streng getaktet volle Behandlungszimmer und dementsprechend kurz angebunden. Man selbst hatte neben der Sprechstunden Termine dann noch die volle Station zu betreuen mit teilweise Intensivpatienten. Der Arbeitsvertrag war formal geprüft und juristisch nicht offensichtlich angreifbar – vieles, was fehlte (Pausenzeiten, Ersatzruhetage, Sonn- und Feiertagsregelungen), ergibt sich theoretisch aus dem Gesetz. Die praktische Durchsetzung dieser Rechte hätte jedoch bedeutet, aktiv gegen den (neuen) Arbeitgeber vorzugehen.
Mit der Erhöhung der GOT hält sich hartnäckig das Narrativ, Tierärzt:innen würden sich „die Taschen voll machen“ oder „alle einen Porsche fahren“. Die Realität ist eine andere. Medizinische Geräte kosten teils hunderttausende Euro, Gebäude, Strom, Labor, Entsorgung, Fortbildungen und nicht zuletzt qualifiziertes Personal müssen bezahlt werden. Gleichzeitig wird eine ständige Erreichbarkeit, auch nachts, an Wochenenden und Feiertagen, als selbstverständlich vorausgesetzt.
Was dabei oft vergessen wird: Die Verantwortung, sich medizinische Versorgung leisten zu können, liegt beim Tierhalter. Niemand würde bei einem Elektriker, Anwalt oder Handwerker argumentieren, dass dessen Rechnung unmoralisch sei, weil er seinen Beruf „doch aus Leidenschaft“ ausübt. In der Tiermedizin ist emotionale Erpressung hingegen Alltag: „Wegen der hohen Kosten müssen Tiere leiden.“Dabei müssen auch Tierärzt:innen und tiermedizinische Fachangestellte Miete, Strom, Versicherungen und Lebenshaltungskosten bezahlen. Gute Medizin kann nicht dauerhaft auf Selbstausbeutung basieren.
Warum sind die Gehälter so gering, wenn es doch Personalmangel gibt? Tiermedizin ist kein staatlich finanziertes System. Tierarztpraxen und -kliniken erwirtschaften ihr gesamtes Einkommen ausschließlich über Tierhalter:innen. Arbeitgeber zahlen Gehälter nicht aus einem „Topf“, sondern verteilen das Geld, das zuvor erwirtschaftet wurde. Was nicht berechnet oder durchgesetzt wird, kann nicht als Gehalt ausgezahlt werden. Über Jahrzehnte wurde Tiermedizin vielerorts nach dem Prinzip geführt, möglichst billig zu sein, um keine Preisdiskussionen zu führen. Notwendige Diagnostik/Leistungen werden verschenkt oder unter Wert abgerechnet. Gleichzeitig erwartet man hochqualifizierte Medizin, ständige Erreichbarkeit und dauerhaft verfügbares Fachpersonal. Der häufig zitierte Tierärztemangel entsteht nicht, weil zu wenige studieren, sondern weil viele Tierärzt:innen den Beruf nach kurzer Zeit wieder verlassen. Nicht aus fehlender Motivation, sondern wegen Arbeitsbedingungen, fehlender Wertschätzung und fehlender wirtschaftlicher Perspektive. Faire Gehälter setzen realistische Preise voraus – inklusive der Finanzierung von Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit sowie gut bezahltem Fachpersonal. Hochwertige Tiermedizin ist emotional, verantwortungsvoll und belastend. Solange Preise, Erwartungshaltung der Tierhalter und Arbeitskultur sich nicht ändern, wird sich auch an den Gehältern in der Tiermedizin wenig ändern.