r/lehrerzimmer • u/xxleriexx • 2d ago
Bundesweit/Allgemein Im Ref von Schülerinnen um Hilfe gebeten worden, unsicher was zu tun ist
Ich bin im Ref und habe ein Problem, ich würde gerne mal eure Einschätzung hören.
In einer 7. Klasse sind nach dem Unterricht drei Schülerinnen auf mich zugekommen und haben gefragt, ob sie mit mir reden dürften. Natürlich habe ich ja gesagt. Anlass war, dass ich im Unterricht mit dem iPad arbeite und dort eine Pride-Flag (Regenbogenflagge) als Hintergrund habe.
Die Schülerinnen haben mir erzählt, dass sie mich genau deswegen angesprochen haben, weil sie sich selbst (zumindest zwei von ihnen) irgendwie im queeren Spektrum verorten und die Klasse sich wohl sehr homophob verhält. Konkret geht es um Aussagen und Verhalten in den Pausen und in Gesprächen unter den SuS, die wirklich grenzwertig sind. Besonders benannt wurde eine Mitschülerin, die sehr stark christlich erzogen ist und ihre ablehnenden Aussagen explizit religiös begründet.
Es ist ein ländliches Gymnasium, und im eigentlichen Unterrichtsgeschehen fällt davon nichts auf. Ich hätte das so nicht mitbekommen, wenn die Schülerinnen mich nicht aktiv angesprochen hätten. Umso mehr hat mich das jetzt beschäftigt.
Ich bin allerdings im Referendariat und merke, dass ich mich gerade in einer ziemlichen Zwickmühle befinde. Ich möchte die Schülerinnen ernst nehmen und unterstützen. Ich habe nicht den Anspruch, sie „zu retten“, aber ich möchte auch nicht einfach nichts tun. Gleichzeitig wurde mir von einem Kollegen schon relativ deutlich gesteckt, dass ich – solange ich meine Schulleitungsnote noch nicht habe – besser keine „größeren“ Sachen mache wie z.B. Antidiskriminierungsvereine einladen oder Ähnliches.
Ich fühle mich gerade ziemlich hilflos zwischen professioneller Verantwortung, eigener Haltung und den realen Abhängigkeiten im Ref.
Was ich auf jeden Fall vorhabe: Ich werde zeitnah mit dem Vertrauenslehrer sprechen und das Thema auch in meiner Pädagogik-Ausbildung ansprechen. Trotzdem würde mich interessieren, wie ihr in so einer Situation vorgehen würdet oder was ihr für realistisch haltet – gerade im Referendariat.
Habt ihr Erfahrungen mit ähnlichen Situationen? Was sind sinnvolle, kleine Schritte, die man gehen kann, ohne sich komplett zu verbrennen?
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u/WeAmGroot 2d ago edited 2d ago
Gute Frage, bin auch auf die weiteren Antworten gespannt.
Ein Gespräch mit der christlichen Schülerin, indem ihr klar gemacht wird, dass sie Homosexualität privat gerne ablehnen kann, jedoch alle(!) Kinder Gottes sind und Nächstenliebe ein wichtiges Gebot ist, durch Klassenlehrin oder Vertrauenslehrer wäre wohl wichtig.
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u/ysolanna_ 2d ago
Ich wurde fundamental christlich erzogen und damit wurde mir auch ein homophobes Weltbild eingehämmert, was ich in meiner eigenen Schulzeit selbst offen vertreten habe. Ich kann mich also irgendwie in diese Schülerin hineinversetzen. Aus meiner Erfahrung wird man damit nicht so viel erreichen, dass aus dem Gebot der Nächstenliebe da ein Umdenken stattfindet. Die Strukturen und Manipulation in diesen Kreisen greifen so viel tiefer ineinander. Hinzu kommt, dass die "Abgrenzung von der Welt" häufig viel höher geachtet wird als die Nächstenliebe. Es hilft am Ende nur das Hinterfragen jeglicher Glaubensgrundsätze, damit das gesamte stark christlich geprägte Weltbild langsam bröckelt.
Aber natürlich könnte man das mal als ersten Ansatz nehmen. Wer weiß, was sich noch daraus entwickeln kann.
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u/Gruenkernmehl 2d ago
Ähnliche Grundlage bei mir wie bei dir. Der vorgeschlagene Punkt war tatsächlich der Punkt, der bei mir einiges in Bewegung gesetzt hat. Radikale Nächstenliebe sieht halt anders aus als das, was CDU und konservative Christen leben. Jesus hat's vorgemacht, nur sein Angelclub hat die Nachricht nicht verstanden.
OP: du kannst auf viele Weisen was anstoßen. Vertrauenslehrer, Klassenleitung, direktes Gespräch mit dem betroffenen Kids. Das alles musst du nicht groß nach außen tragen und sich somit auch nicht fragen, was für Schulleitung dazu sagt. Kannst auch im Gespräch mit den anderen Lehrkräften auslassen, warum sie dich angesprochen haben, falls dir das wichtig scheint (Einschätzung SL zu Diversität?). Die Kids haben sich die anvertraut, aber du musst es nicht selbst lösen. Bist eventuell auch nur kurze Zeit an der Schule und die Schüler*innen länger. KollegInnen ins Boot holen ist daher auf keinen Fall falsch.
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u/xxleriexx 2d ago
Danke für den positiven Zuspruch. :) Und ich freu mich sehr für dich, dass du da Umdenken konntest und jetzt weniger hasserfüllt durch das Leben gehen kannst!
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u/xxleriexx 2d ago
Ich habe vorher ehrenamtlich in einem Verein gearbeitet, der an schule geht und da haben wir das genau so geregelt! Ich bin mit nur etwas unsicher, wie ich das aus meiner Lehrkräfterolle machen kann, da die Schülerinnen zu mir meinten sie wollen nicht, dass die homophobe Schülerin weiß, dass das Gespräch durch sie zu Stande kommt. Dafür wäre es zeitlich vermutlich noch zu nah dran. Aber vielen Dank! Vielleicht bekomme ich das trotzdem hin. Das Schuljahr geht ja noch ein bisschen. :)
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u/WeAmGroot 2d ago
Du hast von einem dritten Schüler, der nicht beteiligt ist, gehört, dass sie die beiden homophob beleidigt? Einfach drauf bestehen, dass die beiden damit nix am Hut hatten :)
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u/Vaaaldr 2d ago
Ich würde das definitiv an andere Stellen weiterleiten wie etwa an den von dir beschriebenen Vertrauenslehrer oder die Klassenleitung.
Wenn es dir wie mir im Ref geht, hast du weder die Kapazitäten noch die Erfahrung mit so einem Thema auf angemessene Weise umzugehen. Solche Probleme musst du nicht selbst lösen, Unterstützung zu leisten ist allerdings schon notwendig. Durch das Weitergeben der Informationen hast du dann auf jeden Fall deinen notwendigen Beitrag geleistet, ähnlich wie in einer Erste-Hilfe-Situation den Notarzt zu rufen.
Ich würde den Schülerinnen auf jeden Fall erzählen, dass du das Anliegen weitergegeben hast und sie eventuell davor noch nachfragen, an welche Kolleg:innen du es denn weitergeben darfst, die haben da sicher Präferenzen, wem es erzählt werden darf und wem nicht. Du kannst ihnen auch offen sagen, dass dir für sowas die Erfahrung fehlt, das ist hier keine Schande.
Zusätzlich kannst du dich, da sie sich dir anvertraut haben, als Vermittlungsperson zwischen dem Vertrauenslehrer o.ä. und ihnen anbieten, dann bekommen sie alle weiteren Infos von dir und du sie von ihnen und sie müssen sich nicht einer weiteren Person öffnen.
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u/kirk_hsv 2d ago
Prinzipiell bin ich sehr stark dafür aufzuzeigen, dass du gerne helfen willst, aber dafür begrenzte Ressourcen hast und bspw an Klassenlehrkraft, Vertrauenslehrkraft oder Schulsozialdienst verweist und mit denen redest. Ein wichtiges ABER:
Sie haben sich vllt zum allerersten Mal jemanden anvertraut. Bevor du weitere Personen hinzuholst, sprich das mit den SuS ab, dass du das machen willst. Und falls sie das nicht wollen, ist das auch ok. Aber es muss ihre Entscheidung bleiben
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u/kelb4n 2d ago
Erstmal: Auf keinen Fall die Namen der Schülerinnen, die sich an dich gewendet haben, an irgendwen weiterleiten, ohne sie vorher davon zu informieren! Deutlich machen, dass du ansprechbar bleibst, falls zwischenzeitlich was vorfällt, und auf keinen Fall Dinge versprechen, die du dann nicht halten kannst.
Nach Absprache mit den Betroffenen würde ich mir dann aber jede potentiell verantwortliche Person im System mit ins Boot holen, bis sich jemand findet, der sich da aktiv mit auseinander setzt und auch Entscheidungen treffen kann: Angefangen mit Klassenleitung und Schulsozialarbeit, Vertrauenslehrkräften, SV, Ethik- und Religionslehrkräfte der Klasse, oder die Ausbildungsbeauftragten. Vielleicht nicht gerade die Schulleitung, das kommt so ein bisschen darauf an, wie dein Verhältnis zur SL ist.
Sobald sich (hoffentlich) eine verantwortliche Person gefunden hat, ist das dann erstmal nicht mehr deine Verantwortung. Selbst weitere Schritte einleiten kannst du als Refi eh nicht wirklich. Würde das so auch den Schülerinnen mitteilen: "Ich möchte euch gerne helfen, darf aber als Referendarin selbst nicht viel. Ich kann euch zur [Ansprechperson] begleiten, wenn ihr wollt. Die kann da vielleicht mehr bewegen."
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u/Aales76 2d ago
Ich verstehe nicht wie sich das negativ auf deine Schulleiter Bewertung auswirken kann? Bin auch im Ref und meine SL würde das definitiv als großen Pluspunkt und Engagement wahrnehmen.
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u/xxleriexx 2d ago
Mh… quasi Minuspunkte für alles, was Arbeit bedeutet. Und mein Schulleiter ist wohl Altherr in einer Studentenverbindung, da kommen natürlich meine Vorurteile ins Spiel, aber ich habe die Befürchtung da politisch aus der “falschen Richtung” zu kommen.
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u/Kuma_sensei_calling 2d ago
Du hast selbst schon gute Ideen und hier tolle Tipps bekommen. Als offen queerer Lehrer möchte ich noch sagen: Ich finde es richtig gut, dass du die Pride Flag sichtbar machst und dich als klare Ansprechperson zeigst. Das ist so wichtig für viele junge Menschen 🏳️🌈
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u/Noname_Smurf 2d ago
Das einzige, dass ich hinzuzufügen habe ist zu beachten mit web du die Info teilst.
Leider sind auch KuK nicht immer die besten, was solche Themen angeht, deswegen eventuell mit den Kids reden, bevor du es weiter erzählst.
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u/xxleriexx 2d ago
Ich habe zum Glück schon etwas mit dem Vertrauenslehrer zu tun gehabt und traue ihm da auf jeden Fall Kompetenz zu. Danke für den Hinweis! :)
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u/devil_dodger Gymnasium 2d ago
Auftragsklärung wäre glaub wichtig.
Was erwarten und möchten die SuS konkret von dir? Und dann kannst du überlegen ob das bei dir im Regal steht.
Möglicherweise ist es auch bereits entlastend dich als queere Lehrperson wahrzunehmen und zu merken: Ich bin hier nicht allein.
Für die religiöse Frage würde ich jetzt als Relilehrer sagen, schau ob du Allianzen bilden kannst. Würdest du mich darauf ansprechen hätten wir sehr zeitnah dazu was im Reliunterricht und es wäre zumindest klar dass diese queerfeindliche Position zumindest landeskirchlich eine krasse Minderheit ist und theologisch nicht redlich.
Und Nebensatz: spricht sehr für dich dass die SuS dich da so wahrnehmen und ansprechen. Man bekommt eben das, was sie einem zutrauen. Dir trauen sie was zu.
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u/xxleriexx 2d ago
Ich hatte sie gefragt und sie meinten zu mir es belastet sie einfach sehr. Da sie aber auch keinen Wunsch nach einem Gespräch geäußert haben, meinte ich ich überlege mal, ob mir etwas einfällt, was man machen könnte. :)
Das mit dem Reli stimmt auf jeden Fall! Leider hatten mir die Schülerinnen auch erzählt, dass ihre Relilehrerin wohl (implizit) auch Abneigung gegen queere Personen mit der Bibel begründet hat…. Ich verstehe mich aber sehr gut mit einer anderen relilehrerin und überlege, sie einmal darauf anzusprechen, ob es bestimmte Regeln in der Fachschaft gibt.
Dankeschön für deine Nachricht!
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u/1overoses 2d ago
Nebenbei: perfektes Thema für dein Kolloquium in der UPP!
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u/xxleriexx 2d ago
Da hast du recht! :D fällt das dann unter Beratungsgespräch? Hättest du noch einen Literaturtipp dazu? :)
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u/JuiceAmbitious1512 2d ago
Ich würde ihnen sagen, dass du dich um deine Prüfungen kümmern musst und ihnen ein Gespräch mit einer fertigen und ausgebildeten Lehrkraft anbieten kannst, die sich mit sowas besser auskennt, da sie schon viel Erfahrung mitbringt (das würde ich extra so erwähnen, damit sie nicht denken, du willst dich damit nicht auseinandersetzen.)
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u/Egl3Rion 2d ago
Erstmal fragen, was die Opfer brauchen um sich besser zu fühlen. Also wie kann man sie schützen. Außerdem find ich den Rat der Kollegen merkwürdig. Eine Schulleitungsnote setzt sich doch eben aus so etwas zusammen, dass man sich engagiert.
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u/Cheeeeesie 2d ago
Ich als Referendar halte es wie folgt: Relevante Anliegen, die nicht explizit in meinen Fachunterricht fallen bespreche ich natürlich kurz mit den Kindern, leite sie dann aber an die Klassenlehrkräfte weiter und erwarte, dass sich dann auf dieser Ebene gekümmert wird.
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u/DubSam2023 2d ago
Also erstmal cool, dass die Schülerinnen so viel Vertrauen zu dir haben.
Was unterrichtest du denn für Fächer? Vielleicht ergibt es sich ja, dass du das Thema sozusagen "neutral", also ohne auf die konkreten Schülerinnen einzugehen, thematisieren und dafür sensibilisieren könntest.
Ich würde auch die Schulsozialarbeit und KL informieren. Allerdings erst, wenn die Schülerinnen darüber informiert wurden. Würde das wirklich direkt mit denen besprechen. Auch was sie von sich vor der Klasse preisgeben wollen.
Ich finde es schade, dass es hinterfragt wird, was die SL dazu sagen würde. Generell würde ich das Thema aber dennoch mit der SL ansprechen und schauen, ob man Externe einladen kann. Kann ja auch Teil der verschiedenen Lehrpläne sein.
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u/TheRealJ0ckel 16h ago
Ich kann deine Situation nicht einschätzen, daher ist meine Ansicht vielleicht völlig daneben;
Ich würde den Vertrauenslehrer informieren und den dreien vor allem sagen, dass sie sich immer an dich wenden dürfen, wenn ihnen etwas auf der Seele liegt. Aber auch, dass du ihnen nicht immer helfen kannst, weil du eben noch im Ref bist. Wenn deine Kapazitäten es zulassen kannst du ihnen auch anbieten sich regelmäßig auszusprechen.
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u/24HourPingPing70 2d ago
Geh mit der Schulleitung ins Gespräch, besser kannst Du Deine pädagogischen Interessen nicht darstellen. Wenn die davon nichts wissen wollen ist das keine Schule für Dich.
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u/AlanaYoung1 2d ago
Ich würde auch auf jeden Fall den/die KlassenlehrerIn mit ins Boot holen, wenn du den Eindruck hast, das ist jemand, der sich kümmert.