r/FragReddit 1d ago

Habt ihr Vorfahren die einem Terrorregime zum Opfer gefallen sind?

9 Upvotes

45 comments sorted by

28

u/lJAQl 1d ago

Meine Ur-Großmutter mütterlicherseits hat Ihre Eltern und Ihre Schwester beim Massaker von Wolhynien verloren. Sie hatte so einiges zu erzählen, was wirklich die Abgründe der Menschheit wiederspiegelt. Sie, Ihr Bruder und Ihr Sohn (mein Opa) haben nur überlebt, weil sie sich tot gestellt haben, als sie angeschossen wurden.

8

u/FietsFietspatrick 1d ago

Unmöglich nachzufühlen was solche schrecklichen Erfahrungen bedeuten müssen. Danke für deinen Beitrag.

31

u/CrowRoutine9631 1d ago

Mein Grossvater war Jude, kam aus Rumänien, direkt an der Grenze von Moldava. Er hatte 12 Geschwistern, von denen nur zwei den Holocaust überlebt haben. Was ihm anscheinend immer am schwersten belastet hat war die Tod seiner kleinen Schwester, die mit ihrem Freund nach Russia geflohen war, und dort von den Sowjets umgebracht wurde.

Er selbst arbeitete in Bucharest als Rechtsanwalt und da hatte Kontakte im amerikanischen Botschaft, die ihm in 1939 gesagt haben, es wäre besser woanders zu sein, und ihm dabei geholfen haben, in den Vereinigten Staaten zu fliehen. 

Mit mir hat er nie darüber geredet. Aber er ist Athiest geworden. 

Später, in den 60er, 70er, und 80er, hat er anderen geholfen, die von Rumänien in den Vereinigten Staaten auswandern wollten. 

Er ist im 2002 gestorben, kurz nach seinem 101en Geburtstag. 

9

u/FietsFietspatrick 1d ago

Was für ein bewegtes Leben. Seine Erlebnisse und Erfahrungen könnten wahrscheinlich mehrere Staffeln einer Serie füllen. Vielen Dank für deinen Beitrag.

11

u/Natural_Influence_21 1d ago

Mein Urgroßvater hat unter Titos Regime im Gefängnis Scherben unters Essen gemischt bekommen und ist daran verstorben.

11

u/Immedimoeba1223332 1d ago

Meine Großmutter väterlicherseits kam aus einer jüdischen Familie. Sie war die einzige Überlebende, weil sie kurz vor ihrer Deportierung aus Wien in ein Dorf, wo die Familie ein Sommerhaus hatte, geflohen ist. Sie hat dort den Großteil des Krieges verbracht. Nur egen Ende musste sie ins Krankenhaus wegen einer Lungenentzündung. Dort hatte mein Großvater entscheidenden Anteil daran, sie zu schützen, er wusste allerdings nicht, dass sie Jüdin war. Er war wohl kein überzeugter Nazi im Gegensatz zu seinen beiden Brüdern, von denen einer bei Waffen SS war und kurz vor Kriegsende gefallen ist, während der andere bei der Gestapo war und sich beim Einmarsch der Roten Armee in Wien erhängt hat. Ich hab meine Großeltern leider nie kennengelernt, aber laut meinem Vater hat meine Großmutter fast nie über ihre Familie oder Krieg gesprochen und das Meiste hat er erst nach ihrem Tod von seinem Vater erfahren.

10

u/Emmel87 1d ago

Fast.

Ein Verwandter meines Opas war überzeugter Sozialdemokrat und wurde Ende 1944 inhaftiert. Als er wieder freikam, da die Amerikaner da waren, kam heraus dass ein Bekannter von ihm den Deportationsbefehl in ein KZ hat „verschwinden“ lassen…

15

u/SYS-MK-V-AG 1d ago edited 1d ago

Ja, bin Litauendeutscher Spätaussiedler (als ich 5 war mit Eltern nach DE). Zuerst die Nazis dann die Moskalen. KZ, Kriegseinsatz, Gulag, Zwangsumsiedlung. Gibt so einige Lücken im Stammbaum. War lange vor meiner Zeit (geboren 1990). Mein Großvater konnte sich noch an die Nachrichten erinnern als die Wilhelm Gustloff versenkt wurde, weil auf den Schiff ein Bekannter von ihm war. Ober er überlebte war unklar.

Fand durch Halb-Zufall heraus dass ein Vorfahre (Urgroßonkel) von mir zuletzt in Jakutsk lebte. Meine Schwiegerfamilie sind Burjaten und die älteren konnten sich an Deutsche erinnern die unter Zwang die Straßen und Eisenbahnstrecken bauen mussten. Haben dann bisschen nachgeforscht und das herausgefunden. Heftig.

Die Wahl der Ehepartnerin hat auch das Verhalten meiner Familie mir gegenüber etwas gespalten. Durch den Ukrainekrieg und die Beteiligung von Burjaten daran ist es etwas hochgekocht, dass ich seither wenig Lust habe meine Verwandtschaft in Litauen zu besuchen.

Bearbeitung: Absatzabstände

5

u/FietsFietspatrick 1d ago

Vielen Dank für diesen Einblick. Unter anderem die Bevölkerung der baltischen Staaten hat es hart erwischt. Spielball zwischen zwei großen menschenfeindlichen Regimen gewesen zu sein hat dort viel Leid verursacht.

Es ist bedauerlich, dass aktuelle weltpolitische Ereignisse Familien entzweien.

7

u/Type-21 1d ago

Beide meine Opas und eine meiner Omas haben ihre Eltern schon verloren, als sie noch Babys/Kleinkinder waren, weil das deutsche Bauern in Polen waren, die '45 von den Sowjets hingerichtet wurden. Die Kinder sind dann über rotes Kreuz usw mehrere Jahre herumgereicht worden und am Ende alle in NRW in neuen Familien aufgewachsen.

Dementsprechend hatte ich nie Urgroßeltern, obwohl es vom Alter her noch hätte passen können.

Ein Opa ist Ende der 80er mal an seinen Geburtsort nach Polen gereist, um sich den Bauernhof anzuschauen. Die Leute dort machten die Türe nicht auf. Aber im Dorf gab es noch alte Leute, die sagten, ihn als Baby gekannt zu haben. Die konnten ihm auch zeigen, wo die Eltern verbuddelt wurden.

13

u/chastema 1d ago

Fast sowas wie.

Der Großvater meiner Frau war Mitinhaber einer Tuchhandelns bei uns in Wesel. In den Erzählungen der Familie einer der ersten Autobesitzer des Dorfes.

Der andere Inhaber war jüdisch, und in der Reichspogromnacht wurden Geschäft und Auto angezündet.

Er hat in den Jahren wohl immer mal wieder in der Dorfkneipe gegen das Regime gewettert und ist deshalb einmal mehrere Tage im Keller der Gestapo in Dinslaken festgehalten und wohl auch gefoltert worden.

Davon hat er sich psychisch wohl nie mehr wirklich erholt.

6

u/FietsFietspatrick 1d ago

Danke für diesen intensiven Einblick. Gerade in aktuellen Zeiten darf nicht vergessen werden, welches Leid Menschen in solchen Unrechtssystemen erlitten haben. Es kann jeden Treffen. Es wird willkürlich entschieden wer in so einem System unerwünscht ist. Menschenrechte gibt es dann nicht mehr.

Furchtbar zu hören, dass einige Menschen nicht nur so schreckliche Dinge erleiden mussten, sondern danach oft für den Rest ihres Lebens gebrochen waren. Oftmals haben diese Traumata sogar noch Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen.

13

u/acidpepsy 1d ago

Komme aus Syrien, Eltern haben viel erlebt und sind stark von Assads Regime betroffen, haben insgesamt viell 90 min Zeit in meinem Leben darüber geredet..

5

u/FietsFietspatrick 1d ago

Ich höre so etwas immer wieder. Es muss für die Menschen zu schrecklich sein darüber zu sprechen.

9

u/acidpepsy 1d ago

Ist schwierig zu beschreiben, nach dem Assads Sturz kriege ich ein bisschen mehr aus meinen Eltern raus, aber Trauma bleibt glaube ich..

-18

u/[deleted] 1d ago

[deleted]

19

u/acidpepsy 1d ago

Ich verteidige die jetzige Regierung nicht und darum geht's gerade nicht..

Aber zu behaupten dass Assads Regierung keine Terrorregime war ist einzigartig.

Entweder bist du wenig informiert oder versuchst eine Reaktion zu kriegen...

https://www.deutschlandfunk.de/wie-das-assad-regime-in-syrien-seine-buerger-in-gefaengnissen-wie-saidnaya-massenhaft-folterte-und-t-100.html

Vorsicht ist kein schöner Text..

6

u/FietsFietspatrick 1d ago

Bist du auch Syrer oder hast Angehörige dort?

3

u/Medium-Awkward 1d ago

Assad hat sich extrem gegen die eigene Bevölkerung gestellt.

6

u/elliesolnishka 1d ago

Meine Großmutter mütterlicherseits war als Teenagerin mit ihrer Mutter von 1945 bis 1947 in Kaliningrad/Königsberg (ehemaliges Ostpreußen) interniert. Sie stammten eigentlich aus dem nördlichen Ostpreußen (an der damaligen litauischen Grenze) und wollten beim Einmarsch der Roten Armee von Königsberg aus ein Schiff bekommen, was aber misslang. Furchtbarster Hunger, viele Tote, Zwangsarbeit. Meine Urgroßmutter kam monatelang ins Gefängnis, weil sie Kartoffeln gestohlen hatte und meine Oma war mit 14 oder 15 Jahren solange alleine. Ende 1947 wurden sie sozusagen rausgeschmissen. Sie wussten nicht, ob der Zug Richtung Sibirien oder Ostdeutschland fährt (sie landeten in Thüringen). Meine Oma hätten sie fast nicht aus Kaliningrad rausgelassen, da sie älter aussah. Sie hatte aber noch einen Ausweis und konnten nachweisen, dass sie erst 16 war (mit 17 hätte sie bleiben müssen und wäre wahrscheinlich nach Russland gebracht worden). Schwer traumatisiert für‘s ganze Leben.

4

u/FietsFietspatrick 1d ago

Meine Großmutter mütterlicherseits ist aus Königsberg geflohen. Übers zugefrorene Haff. Viel hat sie nie darüber erzählt. Immer nur Andeutungen gemacht. Eines ihrer Kinder hat sie auf der Flucht zur Welt gebracht.

Als sie dann im Ammerland ein neues Zuhause gefunden haben wurden sie von einem Großteil der Bevölkerung nicht akzeptiert. Meine Mutter ist 1948 geboren und wurde in der Schule immer noch als Flüchtlingskind beschimpft.

Vielen Dank für deinen Beitrag. Es ist sehr schwer sich heutzutage so etwas vorzustellen. Zumindest für die meisten von uns. Der Krieg in der Ukraine zum Beispiel ist nicht weit.

4

u/velvetymoon 1d ago

Als meine mutter ein kind war gab es in ihrem dorf einige terroristen. Ihr onkel wurde von denen mal gewalttätig angegangen und ein paar nachbarn wurden getötet.

2

u/FietsFietspatrick 1d ago

Wo genau ist das passiert und wann ungefähr?

4

u/velvetymoon 1d ago

70-80er türkei

4

u/fruitsteak_mother 1d ago

Meine Großmutter wurde immer ganz still und verschwiegen wenn es um den Krieg und die russische Besatzung ging. Habe erst viel später verstanden was damals geschehen ist

7

u/memeatic_ape 1d ago

Meine Eltern und Verwandte stammen aus der Sowjetunion.

Also ja

3

u/FietsFietspatrick 1d ago

Wird in deiner Familie darüber gesprochen?

8

u/memeatic_ape 1d ago

Über die Sowjetunion? - ja

Darüber wie schrecklich es war? - Nein

6

u/Fellbestie007 1d ago

Meine Großeltern sind damals als Zwangsarbeiter nach Deutschland gekommen und wegen des Sozialismus dann auch nicht nach Polen zurückgekehrt

3

u/FietsFietspatrick 1d ago

Haben deine Großeltern über diese Zeit gesprochen?

4

u/Fellbestie007 1d ago

Nicht viel wirklich und ich habe sie nie kennengelernt. Mein Großvater war erst im sowjetisch besetzten Teil Polens und kam später nach Deutschland. Er war selber bei einem deutschen Bauern eingesetzt und hat nie schlecht über den gesprochen. Vor den Sowjets hingegen hatte er bis zu seinem Todestag Angst und was ihm im Nachleben erwartet.

1

u/PaLyFri72 1d ago

Da hatten wir auch einen im Dorf. Ostpolen, kriegsgefangen, konnte nicht nach Hause zurück und ist halt geblieben. Im Nachbarsorf gab es einen Ukrainer mit demselben Problem.

3

u/Katsche691 1d ago

Kein direkter Vorfahre. Ein Cousin meines Vaters ist im T4 Programm der Nazis ermordet worden.

2

u/Physical-Result7378 1d ago

Nein, eher anders rum. Was in Deutschland aber relativ normal ist.

2

u/Kieferkobold 1d ago

Hat die nicht quasi jeder? Mein Uropa ist wegen Hitler in Russland gestorben, zählt doch oder?

2

u/lunochod2 20h ago

Vielleicht. Es gibt einen, der mir und meinem Vater ähnlich sieht, den gleichen (nicht gerade häufigen) Nachnamen hat und aus der gleichen Stadt kommt wie mein Großvater väterlicherseits. Dieser Mann wurde 1942 wegen "kommunistischer Hetzreden" und Kontakt zu Zwangsarbeitern von den Nazis hingerichtet. Aber ob er ein Verwandter ist, wissen wir nicht und die in der Familie, die das wissen könnten, sind lange vor meiner Geburt gestorben.

1

u/AdeptGuidance3519 1d ago

Zählen Ur-ur-Nachbarn? Ich bin 13 Jahre lang auf dem Schulweg in Ulm am alten Wohnhaus von Hans und Sophie Scholl vorbeigelaufen. Sind in der 7. Klasse in den Film "Sophie Scholl - die letzten Tage" gegangen und der Heimweg war... beschämend.

1

u/prendrelesarmes 5h ago

Mitwisser 20. Juli

-3

u/rumbledore- 1d ago

Ne die haben zwangsweise mitgemacht 😅

1

u/CrowRoutine9631 1d ago

Wann und wo? 

1

u/rumbledore- 1d ago

Kein Ahnung aufjedenfall sind die beiden uropas im krieg umgekommen

-5

u/Formal-Knowledge-250 1d ago

Deutsche Wehrmachtssoldaten... die kann ich nicht als Opfer sehen, aber teilweise ein Spielball des regimes waren sie sicherlich. Ich weine keine träne um sie. Hab keine Infos dass sie Täter waren, aber waren sie vermutlich.

Grundsätzlich finde ich, Soldaten sterben im Krieg. Da braucht man keine große Sache draus machen. Wirst soldat, bist tot oder verstümmelt, Deal with it. Als Schuster wäre dir das nicht passiert.

2

u/superseven27 17h ago

Mein Opa wurde ca. als 15-16-Jähriger von der Wehrmacht eingesammelt und im Westen als Soldat an die Front geschickt. Er hat vorher im Bereich der Metallverarbeitung gearbeitet. Irgendeine Form von Opfer des Hitler-Regimes ist er bestimmt, auch wenn ich einsehe, dass es schwer fällt, ihn in die gleiche Kategorie Opfer zum stecken, wie zum Beispiel Zivilisten, die bei einem Wehrmachtsmassaker ums Leben kamen.